Über den Stuttgarter Bahnhof und die Erhaltung historischer Orte

“Warum darf sich Architektur nicht verändern?” fragte Timo John gestern in der FAZ. Die Kontreverse um den Stuttgarter Bahnhof nimmt zu, wenn man von den Schlagzeilen in den überregionalen Zeitungen ausgeht.  Es geht um einen Rückbau mancher Teilen dieses denkmalgeschutzten Gebäudes, die in den zwanziger Jahren gebaut wurde, im Krieg sehr stark beschädigt wurde, in den 50ern Jahren nicht 100% orginialgetreu wieder aufgebaut.

Die Werte, die solchen Erhaltungsimpulsen zugrundelegen, sind selbstverständlich hinterfragbar, und insofern hat der Autor Recht, warum darf sich Architektur nicht verändern?  Man denkt etwa an Rom, wo Generationen von Einwohner über Jahrhunderte hinweg die Bauten und Denkmäler ihre Vorgänger erweitert, umgebaut, oder zu völlig neuen zwecken beansprucht haben.  Heute können wir solche Veränderungen kaum verdammen, und hätten wir zu den Zeiten gelebt, als der Pantheon eine christliche Kirche wurde oder man eine Statue des Aposteln Petrus auf die Trajanssäule gesetzt hat, wäre es uns wohl nicht einmal eingefallen, Protest zu erheben.

Die Frage erinnert mich aber an einen Vortrag von Rem Koolhaas hier an der Cornell University letzten April.  Eines seiner Projekte, eine Erweiterung von Sibley Hall an Cornell, befindet sich jetzt im Bau.  Koolhaas hat seinen Publikum einige seiner Projekte vorgestellt, manche realisiert, andere nicht, und ging auf einige seiner Theorien ein.  Er ist für seine Ideen über die “generic city” bekannt.  So weit ich das verstehe, meint er damit Städte, die wenig “identitätsstiftendes” an sich haben und ein Minimum an historischen Gedächtnis speichern.  Am Ende beschrieb er eine Idee für Harvard in Cambridge, Massachusetts für den Charles River.  Das Problem war, dass die denkmalgeschützten Gebäude das Wachsen der Universität und der Stadt im Wege hindern.  Darüber hinaus ist der Fluss eine unnötige Grenze, die sich durch den Campus zieht, denn alle wollen auf dem einen Ufer sein und keiner auf dem anderen.  Für Koolhaas überschauen jegliche Erhaltungsimpulse die Tatsache, dass die Gebäude und der Lauf des Fluss selbst gar nicht so historisch sind.  Die Universität liessen die Gebäude mehrmals umbauen lassen und so den historischen Charakter öfters zerstört.  Und das Flussbett selber hat seine gegenwärtige Gestalt eher menschlicher Hand zu verdanken.  Sein Vorschlag:  das Flussbett so ändern, dass der völlig um den Campus fließt, und den Campus damit vereinigen und einge Menge Parkland daraus gewinnen.

Das Publikum hat dazu gelacht, aber er bestätigte, dieser Plan war in vollem Ernst gemeint.  Und eigentlich sind solche Vorhaben gar nicht neu oder revolutionär.  Andererseits hat sein Vortrag mich persönlich tief beunruhigt.  Auch wenn Koolhaas in mehreren Punkte Recht hatte, schien er kaum an die sozialie Auswirkungen seiner Theorien und seiner Praxis gedacht zu haben.  Warum sollen wir jeder Hühnerstall aus der Römerzeit erhalten?  Andererseits hat sein Vortrag neoliberalen Ideologien sehr stark nachgehallt, und für ihn war das auch gut so.  Er begann mit der problematischen Behauptung, der Diskurs des Marktes sei der letzte auf der Welt, was nicht nur andere Diskurse (so relativ schwach sie sein mögen) sondern auch die Möglichkeit anderer Diskurse ganz und gar ausschließt.  Was die Erhaltung “historischer” Gebäude betrifft, ist das historische wegzuwerfen, wenn es ihm und seinen Projekten im Wege steht. Vor allem problematisch aber war seine Behauptung, dass Architektur gar nicht “deprimierend” sein kann, weil der Mensch überall in allen Räumen glücklich sein kann.  Damit leugnet er aber seine eigene Rolle bei der Schaffung menschlicher Arbeits- und Wohnräume völlig ab, was ich ziemlich gefährlich finde, wenn es aus dem Mund eines “Starchitects” fällt.

Das bringt uns also endlich zurück zum Bahnhof.  Solche Indentifizierung mit “historischen Gebäuden” mag höchst problematisch sein und mag sich in einem lächerlich provinziellem Heimatdiskurs verwandeln, aber bedeutet das, dass wir das historische abschätzen sollen?  Beide Seiten der Bahnhofsdebatte haben wohl Recht und gehen wohl gleichzeitig von falschen Prämisse aus.  Einerseits soll Architektur sich entwickeln können, soll menschliche Bedürfnisse erfüllen und muss dabei nicht unbedingt seinen historischen Charakter aufopfern.  Andererseits ist es doch ein Verlust, wenn historische Architektur verschwindet.  Gleichzeitig soll man auch nicht vergessen, Erhaltung mündet leicht in Gentrifizierung, die historische Altstädte häufig zu großen Freiluft-Einkaufspassagen reduziert (Old Town Pasadena ist ein Beispiel, das sogennante “Gaslamp Quarter” in San Diego, einst Drogen- und Rotlichtviertel sowie Schauplatz der Redefreiheitsaufstände, heute überfüllt mit schicken Restaurants und Spießerkneipen, ist ein anderes).

Das bringt uns dann zu einem Problem, das über diesen einzigen Bahnhof weit hinausgeht.  Wenn wir historische Gebäude oder Stadtpläne “weiterentwickeln” oder gar abräumen, was tritt dann an ihre Stellen?  Leider häufig die “generic city,” wie sie von Koolhaas erklärt wird.  Und im Gegensatz zu Koolhaas denke ich, Architektur und Stadtplanung doch deprimierend wirken können.  Ich habe mein Bachelorstudium in dem Inbegriff einer “generic city” gemacht, nämlich Irvine, California.  Irvine beweist, wie unmenschlich Architektur und Stadtplanung sein kann (gewiss hat der Ort viele Verteidiger, die sich gegen einen solchen Ausspruch schnell wehren würden).

Es ist hier aber nicht meine Absicht, gegen die ganze moderne Architektur und Stadtplanung zu toben.  Ich will aber nur sagen, der Mensch hat ein Recht auf menschliche Wohnräume.  Die Frage wäre dann, ob eine Architektur, die dem neoliberalen Marktkapitalismus dient, solche Wohnräume überhaupt aufbauen kann.

Ein kleiner Seitenpunkt:  Irvine hat auch eine Altstadt!  Wie alle Altstädte bewahrt sie die Erinnerung an vergangene Epochen der Stadtgeschichte und üben eine identitätsstiftende Wirkung auf die ganze Stadt aus.  Sie besteht aus einigen landwirtschaftlichen Bauten, die sich zwischen den 1890ern und den 1940ern datieren lassen, und anderen “modernen” Gebäuden in “historischem” Stil.  Wie man auf der Tafel nachliest, stehen ein paar nicht an ihren historischen Stellen, also sah die Altstadt vor sechzig Jahren nicht wirklich so aus.  “Old Town Irvine” umgibt heute einen Parkplatz, viele meiner Freunde da waren sogar überrascht, als ich gesagt habe, dass Irvine eine Altstadt besitzt.

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