Im Krebsgang und der große Internet-Roman

Liest man heutzutage die Feuilletons, kreist die Diskusison über das Internet und die Literatur immer um die Frage von Veränderungen der zweiten angesichts des Vormasch des ersten.  Wird es noch Bücher im digitalen Zeitalter geben, wie wir sie seit Jahrhunderten gekannt haben?  Artikel darüber kann der Zeitungsleser fast tagtäglich verschlingen.  Die Diskussion ist zwar interessant, aber es gibt eine andere Frage, die das Internet aufwirft: wie kann die Erfahrung von einem vernetzten Leben in einer vernetzten Welt literarisch dargestellt werden?  Kann eine “realistische” Erzählung den Internet-Alltag widerspiegeln und gleichzeitig überhaupt lesenswert sein?  Wie schreibt man literarisch über Facebook?  In einer Szene in Mann ohne Eigneschaften ist Ulrich bei seiner Zeitungslektüre, als Leser leben wir seine Wahrnehmung durch die Zeitung mit.  Aber wenn man nicht nur die eigene Welt durch das Internet wahrnimmt sondern ein Teil des eigenen Lebens im Internet führt, kann literarischer Stoff sich daraus überhaupt ergeben?  Kurz gesagt könnten die Feulleitons eines Tage von dem “großen Internet-Roman” berichten?

Dann habe ich Günter Grass 2002 erschienene Novelle Im Krebsgang in die Hand genomment.  Ich fand die Novelle großartig und unbedingt empfehlenswert.  Und bei der Lektüre habe ich mir ständig die Fragen oben gestellt.  Die Novelle geht um einen Journalisten, dessen Mutter auf dem im zweiten Weltkrieg mit Flüchtlingen beladenen Schiff Wilhelm Gustloff war, als dieses von einem sowjetischen U-Boot versunken wurde.  Die Mutter gebar ihren Sohn gleich nach der Rettung.  Im Jahr 1997, die erzählerische Gegenwart der Novelle, stießt der Ich-Erzähler auf eine rechtsradikale Webseite mit einem Chattroom, in dem es häufig um die Wilhelm Gustloff geht.

Wenn es einen großen Internet-Roman geben könnte, dann steht Grass Novelle höchstens an der Schwelle.  Das Internet ist hier ein Raum, in dem Identitäten von real existierenden Individuen leichter entkoppelt werden könnten (oder wo man sich selbst gar verdoppeln könnte),  und man ist nicht sicher, mit wem man in Wirklichkeit spricht.  Es ist auch ein Raum der Erinnerung, wo ein kollektives historisches Gedächtnis gespeichert wird.  Drittens ist es ein Raum, wo historisches Reenactment stattfindet.  Die Sprache der Figuren ist auch deutlich von dem Internet geprägt, denn auf einer einzigen deutschsprachigen Webseite melden sich Stimmen aus aller Welt zum Wort, die ein Gespräche auf English sowie auf Deutsch führen.  Die gesprochene Sprache der Figuren verrät auch diesen Einfluss: der Erzähler spricht nicht nur von “Chattrooms,” “Websites,” “Homepages,” usw; man merkt aber auch andere Anglizismen, die auch die Sprache der Rechtsradikalen, die ihre nationale und rassische An- und Zugehörigkeit mit Stolz behaupten.

Aber diese Novelle entstand selbstverständlich, als die Entwicklungen, die das Internet und unseren Zugang in diesem Jahrzehnt geprägt haben, entweder in ihren sehr frühen Anfangsphasen waren oder noch nicht existierten.  2002 hatten die Dotcoms eben implodiert, Google war nur eine Suchmaschine, Friendster wurde eben gegründet, Facebook lag zwei Jahre in der Zukunft.  Das Internet war und ist wohl noch nicht was es werden wird.  Also ist es wohl zu früh für Spekulationen über Literatur über das Internet.  Oder vielleicht ist die virtuelle Welt wie die reale eine, die sich so ständig ändert, dass sie ein literarisches Stück, das die Erfahrung dessen ein für allemal festhält, unmöglich macht.

One response to “Im Krebsgang und der große Internet-Roman

  1. Hallo, sehr schön wie in dem Artikel die Novelle von Grass mit dem Internet verbunden wird. Momentan sieht es wohl so aus dass Google und Co versuchen Buchleser auf ihre Seite zu ziehen, mit diversen Angeboten wie Digitalen Büchern. Die neuen mobilen PCs wie iPad ermöglichen ja auch ein angenehmes Lesen, eigentlich wie ein Buch, von digitalisierter Literatur.

    Holger

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