Erderwärmung und Gerechtigkeit

Die WDR-Sendung “Das philosophische Radio” hat letzte Woche eine Sendung mit dem Philosophen Lukas Meyer ausgestrahlt unter dem Titel “Ist der Klimawandel ein Gerechtigkeitsproblem?” Kurze Antwort: ja. Die Sendung ist eine Stunde lang, aber das Anhören lohnt sich. Im Folgenden einige Gedanken zum Gespräch, aber zuerst kann ich “Das philosophische Radio” nicht hoch genug empfehlen. Einerseits bietet es jede Woche eine Gelegenheit, vom eigenen philosophischen Tellerrand hinauszublicken. Andererseits ist es immer interessant (und erfreulich) zu hören, wie Akademiker auf die Fragen von Laien eingehen. Und Jürgen Wiebekes Moderation ist immer pointiert und gut informiert.

Das Gespräch letzte Woche hat das Thema “Klimawandel und Gerechtigkeit” innerhalb einer zukunftsorientierten Ethik verstanden, und so legitim das sein mag, war es auch ein Dokument des begrenzten Rahmens, in dem Diskussion über Erderwärmung stattfinden. Die Anfangsmoderation hat einen zum Thema passenden Ton angeschlagen: “Es ist ungefähr so, als ob es fünf vor zwölf ist und wir werfen die Uhr weg.” Die Diskussion über “Gerechtigkeit” kreiste um Themen wie Verzicht, Gleichverteilung, und Konsum, aber der Fluchtpunkt des Gesprächs war die Zukunft und unsere Pflichten gegen zukünftige Menschen. Ein würdiges Thema, das man in anderen Sendungen aufgegriffen hat. Aber beim Anhören hätte ich gern mehr über die Erderwärmung als real existierendes Phänomen unserer Gegenwart gehört.

Meine Frage ist, ob eine Zukunftsethik uns wirklich einen festen Boden für ein ethisches Programm im Zeitalter des Anthropozäns bietet? Einerseits können und wollen wir die Frage der Zukunft nicht loswerden, denn die Umsetzung eines Programms für eine bessere Wirklichkeit geht von der Antwort auf die Frage aus, wie wir in der Gegenwart handeln wollen, um eine mögliche Zukunft zu gestalten. Meine Skepsis kommt aber von zwei Punkten. Das erste ist, “Zukunft” ist ein sehr missbrauchter Begriff. In Wahljahren in den USA wenigstens wird die Zukunft oft als eine geschlossene kommende Wirklichkeit behandelt. Das heißt, die Zukunft ist etwas festes wie ein Gebäude, wir sind auf dem Weg dorthin, aber die Politik der Opposition gefährdet sie gewiss. Aber die Erderwärmung macht die Zukunft radikal offen: wie schlimm wird sie sein? Wer wird am stärksten betroffen? Was und wieviel von unserer jetzigen Gesellschaftsstruktur wird sich überhaupt bewahren können?

Der zweite Punkt ist, dass der Klimawandel als Folge einer anthropogenen Erderwärmung gar kein Zukunftsproblem ist, sondern die Katastrophe ist da. Die Sahara dringt vor. Wildbrände haben vor kurzem wieder Vororte von San Diego bedroht. Gletscherschwund in der Westantarktis.

Es ist also nicht fünf vor zwölf, sondern eins nach. Unsere Diskussion über Ökogerechtigkeit kann und soll mit der Gegenwart ansetzen.

Ökogerechtigkeit war das, was mir in dem Gespräch gefehlt hat. In der Diskussion hat man sehr viel über Bahn vs Auto fahren, ob man weit weg in den Urlaub fliegen soll, und Ähnliches aus einem linksliberalen Blickfeld. Aber auch wenn man sich auf den Klimawandel beschränkt und andere verwandte Fragen wie Recht auf die Stadt usw. beiseite lässt, stecken größere Fragen als Bahn oder Auto hinter dem Klimawandel. Meyer nähert sich diese größeren Themen an, als er bei der Diskussion über Urlaub auf Mallorca erwähnt, dass wir unsere Gesellschaft vielleicht so organisieren könnte, dass wir nicht einmal sowas wie “Urlaub” nötig hätten.

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